Der nackte Wahnsinn im Kölner Schauspielhaus

Für mich lebt Theater oft aus dem Augenblick. Hier gibt es keine Repeat-Tasten, keine Wiederholungen und Schnappschüsse als Souveniers. Um so schöner ist es dann, wenn diese Augenblicklichkeit nicht nur das Stück, sondern auch den Abend und die Umgebung erfüllt. Theaterstücke können derart überschwappen, so dass die Grenzen zwischen Improvisation und Aufführung, zwischen Bühne und Publikum verschwimmen. Bei der gestrigen Aufführung von ¨Der nackte Wahnsinn¨ im Kölner Schauspielhaus -- welches ja zur Zeit im Schanzenviertel überwintert -- fügten sich diese Facetten zu einem sehr schönen Gesamtgefüge zusammen.

Es beginnt damit, dass das Stück eben die Bühne umdreht. Im ersten Akt sieht man die gehetzte Generalprobe einer Komödie, deren Schauspieler noch immer Probleme haben, sich in ihre Rollen einzufühlen. Ständig stoppt der Regisseur das Geschehen, das Bühnenbild wird hier und da noch repariert, Baustellenfahrzeuge fahren umher und organisieren die letzten Dinge. Dann im zweiten Akt sieht man die Bühne von hinten. Das beeindruckende hier: während augenscheinlich für ein unsichtbares Publikum das Stück aufgeführt wird, spielen sich hinter der Bühne mindestens ebenso große Dramen ab. Schließlich sieht man im dritten Akt das Stück wieder von vorne, doch die Handlung ist völlig verwandelt: Zusammenhänge sind aufgedeckt, unscheinbare Gegenstände verständlich geworden. Das Stück ist beeindruckend und sehr lustig.

Hinzu kommt, dass an dem Abend -- man weiß nicht ob es nun zum Stück gehört oder wirklich ein Defekt war -- die Drehbühne nicht funktionierte. So musste eine zusätzliche Pause eingelegt werden, in der die Bühne von Hand gedreht wurde. Während dessen sollte das Publikum ins Foyer wechseln, wo merkwürdigerweise gerade ein anderes Theaterstück aufgeführt wurde: Schaupieler auf den Gaderobentischen, Zuschauer an der Bar. Wieder eine verdrehte Bühne. Schließlich ist auch das gesamte Gebäude, in dem das Schauspielhaus gerade untergebracht ist, eine äußerst inspirierend eingerichtete Baustelle. Überall sieht es aus wie auf einer Bühne von hinten. So habe ich das Schauspielhaus verlassen in der festen Überzeugung, alles sei eine Bühne und alles gehöre zum Stück -- oder gab es vielleicht gar kein Stück?

Kommentare

Lieber Tobias, danke für diesen begeisternden Bericht Deines Theaterabends - habe richtig Lust bekommen, das Stück zu sehen und überhaupt mal wieder ins Theater zu gehen, doch leider habe ich in den nächsten Wochen keine Gelegenheit nach Köln zu kommen. Allerdings werde ich ab Dezember viel in Frankfurt zu tun haben und siehe da: dort wird steht es am 14. und 29. Dezember auf dem Spielplan: http://www.schauspielfrankfurt.de/spielplan/stuecke.php?SID=140

Hallo Alexander, danke für den Kommentar! Ich wünsche Dir einen schönen Theaterabend in Frankfurt und hoffe, dass die Inszenierung dort ebenso begeistert wie die in Köln. Viele Grüße!

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